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Inhaltsverzeichnis

Arten des Schreibens

 Das Erwachen der Walliser Schrift vollzieht sich in einem Prozeß doppelter Grablegung. Nachdem bereits über ein halbes Jahrtausend die Institution eines als Bischofs-Pfarrer wirkenden Geistlichen zuerst in Martigny (= Octodurus) den Abzug der Römer und die Scharmützel mit den „Völkerwandernden” überlebte (ca. 370 bis ca. 570), später sich in Sitten niederließ (ca. 570), wurde zur Zeit der großen Wende durch Diktat des Burgunderkönigs aus dem Wallis ein auch weltlich-militärisch bestimmtes Fürstbistum, aus dem bescheidenen Bischof ein Fürstbischof, aus dem Bauerndorf Sedunum die kleine Residenzstadt Sitten mit den Verteidigungs- und Verwaltungsanlagen Valère und Tourbillon. War der Bischof auch vorher nicht isolierter Missionar, so wurde seine Umgebung nun präzise strukturiert mit den als Ministerialräten fungierenden Domherren – Geistlichen, die untereinander im Domkapitel eine Familienform pflegten, für sich aber auch mit Frau, Frauen und Kindern lebten – und dem Klerus als dem mal großen, mal kleineren Beamtenstab, Beamtenheer. Aus diesem Klerus erwächst die Walliserschrift, indem jener Begriff beide Tätigkeiten umfaßt: Kirchenmann zu sein und Notar, Kanoniker und Staatsbürokrat, Geistlicher und Buchhalter, Sakristan und Sekretär. Vom großen Klerus werden nun aufbewahrt die Testamente, die Auskunft geben über den Aufbau des Apparats (es sind fast nur Walliser, die begünstigt und angestellt wurden), die Lebensweise (es wurde meistens vom Onkel auf Neffen und Nichten vererbt, das Zölibat also weitgehend eingehalten) und die Vermögenswerte – gänzlich bescheidene.

 

Sion, hinten links Bietschhorn, rechts Illhorn

Da der Idee des Fürstbistums auch die List vorausgeht, dem Königreich ein Territorium frei der natürlichen Erbfolge und den daraus zwangsläufig entstammenden Erbfolgestreitigkeiten paratzustellen, um der superstrukturellen militärischen Instabilität entgegenzuwirken, ist der zweiten Schriftpraxis des Walliser Klerus ein Paradox beigemischt: Abmachungen, die über die Zeit hinaus Geltung haben sollen, müssen so archiviert werden, daß das Herrschaften, das die Instituierung des Fürstbischofs auf minimster Stufe festhalten soll, sich überhaupt zu einer Form zu fügen vermöchte, sei es zu einer ungerechten, gewalttätigen und militärischen, sei es zu einer demokratischen. Für diese Arbeit, einer der grundlegendsten in der Landschaft, verbreitete sich der Notariatsklerus, dessen Fähigkeit nur darin zu bestehen schien, virtuos und in einer anmutenden Weise lesbar schreibkundig zu sein, in alle Talschaften: auf alle Alpen, in alle Dörfer, zu allen Wasserleiten. Die daraus entstandenen Archivalien, die bis heute an vereinzelten Stellen immer noch nichts Museales aufluden, werden über die riesigen Zeiträume scharf gehütet – so schreibt von Roten 1939 Seite 12 (mit Stern) übers Törbiner Gemeindearchiv, es sei, “aufbewahrt im ‘Gemeindetrog’ d. i. eine starke Holzkiste mit zwei Vorhängeschlössern in der Sakristei der Pfarrkirche; die Schlüssel hat der H. H. Pfarrer” – und auch Ortsansässigen wird launisch zuweilen das Recht auf Einsicht in sie verwehrt (Kuonen 1981).

Das Doppelte der stummen Buchhaltung, abwesend zu sein und dem Leben das Wirkliche zu garantieren, überspitzte ein sehr hoher Kleriker im 13. Jahrhundert: Jakobus, der Schlaumeier aus dem Val d’Anniviers und Vitztum daselbst, also Repräsentant und Vice Dominus des Herren und Bischof von Sitten, verfügt 1284 im Testament, daß seine sterblichen Überreste zur Hälfte als Weichteile in der Kirche von Anniviers (Vissoie), die Gebeine weiters halbiert zu einem Teil in der Abtei Hauterive, zum letzten im Zistensienserinnenkloster Maigrauges in Fribourg zu bestatten seien. Daraus wird ein beileibe nicht geringer Totenzug, um das Glaubensmoment der Unsterblichkeit mit wissenschaftlich-statistischem Kalkül zum voraus garantierte Wirklichkeit werden zu lassen – denn sind die einen Schutzheiligen nicht recht bei der Sache, so ist, mit großer Wahrscheinlichkeit, wenn denn überhaupt an der Religion etwas dran sein soll, die Erde am anderen Bestattungsort rechtens geweiht (Zenhäusern 1992, 119).

 

Genau hierher gehören auch Stockalpers Handels- und Rechnungsbücher 1987ff, die in über zehn umfangreichen Bänden das notieren, was ihm in der Landschaft geschuldet wird – auch vor dem letzten Acker wird kein Halt gemacht – und von dem er nichts ihr durch Mäzenatentum zurückzuzahlen gewillt gewesen wäre (die zwei, drei gestifteten Kirchenorgeln haben wenig mit Musik zu tun, viel aber mit der Absicherung des eigenen Seelenheils).

 

Im Zuge der Gegenreformation, die unter anderem zu vielen Pfarreigründungen führte, insbesondere im Oberwallis – die Gegend um Sitten hatte immer schon ungleich mehr kleinere und mittlere Pfarreien als die Landschaft oberhalb Leuk: um 1500 gab es 12 oberhalb von Siders, 25 im Untertanengebiet und nicht weniger als 30 um Sitten herum bis Siders (Gruber 1932) – wurden zwei neue Arten von Archivtexten institutionalisiert. Einerseits führten die Pfarrhäuser seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts Geburts-, Heirats- und Sterbebücher. Andererseits häuften sich in der Bischofsstadt selbst Schriftstücke an, die wohl zu den interessantesten zu zählen wären, wenn nicht vieles, was generell mit dem Bistumsarchiv im Zusammenhang steht, beim Sittener Großbrand vom 24. Mai 1788 zerstört worden wäre: Der Bischof, der die Pfarreien im größeren oder kleineren Kehr besuchte, ließ sich schriftlich zuvor vom amtierenden Pfarrer eine Akte der Visitanz anfertigen, eine empirische Umfrage, in welcher der Pfarrer seitenweise über sich, die Kirchgängerinnen und das ganze soziale Leben, über das er kraft der Beichte bestens informiert war, Auskunft geben mußte. Ein sehr schönes Exemplar, das einen analytisch erstaunlich offenzügigen Einblick in die gelebten alten Verhältnisse freigibt, präsentiert Studer 1994.

 

Und die Autobiographie des Geißhirten von Grächen zwei Jahrhunderte vor Rousseaus Bekenntnissen? Thomas Platter ist wohl ein Protagonist seiner Zeit, aber eben seiner Zeit im allgemeinen, welcher während einer gewissen Spanne der Reformation auch das Wallis einverleibt war, bis zum Bischof, und in welcher nur wenig gefehlt hätte, dem Wallis eine komplett unverhoffte Wendung zu geben. Platters Vagabundieren bis nach Polen war in ganz Europa für Wissenssuchende gewöhnliche Last, und als er in Zürich beziehungsweise in Basel definitiv festen Boden unter den Füßen fand, blieb das Wallis zwar noch einen Besuch wert, das Schreiben über dasselbe desinteressierte hingegen immer auffälliger. Le Roy Laduries sorgsames Aufdröseln (1998) der Schriften sowohl des Vaters Thomas wie – mehr noch – des Sohnes Felix machen dieselben als Stücke lesbar, als Texte beleuchten sie aber weder das Wallis partiell, das beinahe sich wandelte, noch die europäische Sozialstruktur insgesamt – wo mit dem Humanismus doch mehr ins Spiel geriet als das bloße Abtauschen von Religionsvarianten. Wenn von Le Roy Ladurie sich auch nur knapp das erste Fünftel auf Thomas Platter und das Wallis bezieht, ist die Darstellung doch zu gut geraten, als daß sie sich durch kleinere Studien wie etwa Bumiller 1998 ersetzen ließe. Fürs Wallis selbst war die Autobiographie Thomas Platters nie von Bedeutung, weil sie, geschrieben Mitte des 16. Jahrhunderts, erst Ende des achtzehnten deutsch publiziert wurde, als das Reformierte schon längst ohne Vorbehalte verleugnet wurde.

Da aus dem Innern kein Schriftstück, außer den militärischen und kirchentagespolitischen das Wallis verläßt, und man muß auf diesen wunden Punkt so bös wie möglich den Finger legen, sind Außenstehende dazu aufgerufen, über das Wallis zu schreiben. Der erste macht es ohne Zaudern in einem Best- und Longseller, der einen zweiten – Goethe – dazu bringt, dessen Passage an Ort und Stelle selbst zu wiederholen (Engelhardt 1997, 119 und 127). Jean-Jacques Rousseau wird 1744 mit Schimpf und Schande von seinem Posten als Sekretär des Pariser Botschafters in Venedig vertrieben, von wo er sich mittellos via Bergamo, Como und „Dom d’ossola” über den „St. Plomb” nach Sitten begibt, von da nach Genf und Paris. 1756 schreibt er die ersten Briefe der Neuen Héloïse (fertiggestellt 1758), unter welchen im ersten Teil sich die Nummern 21 und 22 einstimmend, die Nummer 23 ausführlich aufs Wallis beziehen, indem der letztere von der zauberhaften Vielfalt der Landschaft einen Eindruck wiedergeben will, von der Bevölkerung eine Ethnographie, die wunderschöner nicht sein könnte. Hat der Autor sein Objekt der Aufzeichnungen selbst untersucht oder alles nur sentimental ausgemalt, um für die theoretisch-politischen Konzepte, in denen die Walliser nicht mehr eigens erscheinen, ein Muster bereit zu haben? Daß Rousseau im Val d’Anniviers nicht war, wie sieben Texte seit Bourrit 1781 (p. 198ff werden zweidrittel des langen Briefes ohne Herkunftsangabe abgeschrieben) bis zu Chastonay 1939 durch miserables Zitieren einfach so mal in den Raum stellen, hat Liniger 1958 (ebenso 1959) klargestellt. Da der Briefschreiber behauptet, auch auf den höchsten Bergen „in den Wolken einhergegangen” zu sein, hat er vielleicht doch mehr gesehen als den „St. Plomb” und das Rhonetal. Was gilt als wahrscheinlich? Am weitesten, aber in einen Widersinn festgenagelt, will der Herausgeber von Rousseau 1978 gehen, Reinhold Wolff. In den Anmerkungen behauptet er, Rousseau hätte „1744 das Oberwallis, 1754 das Unterwallis bereist” (p. 842, ohne Angaben) – 1744 ist Rousseau aber vom Simplon her durchs ganze Wallis hinuntergereist, also gleichviel durchs Unterwallis wie das Oberwallis, und von einer Reise 1754 ins Wallis hinein liegt nirgends ein Schriftstück vor (die Bootsreise um den Genfersee herum, auf die man zuweilen hinweist, wird auch mit einem Halt in St-Gingolph oder Bouveret nicht als Walliserreise durchgehen können). Behbahani 1989 faßt den redseligen Lathion 1953 und Gagnebin 1966 zusammen und gelangt zum Schluß, Rousseau hätte 1744 für die Durchreise eine Woche Zeit gehabt und so wohl schon einmal bei einer Walliser Familie über das Essen hinaus sich in einen lustigen Weinrausch trinken können, seine Haupteindrücke aber doch wohl hauptsächlich beim nachgewiesenen Gastgeber in Sion aufgelesen, „M. de Chaignon chargé des affaires de France” (Confessions nach Behbahani; hier auch die Schreibweise St. Plomb). Für die schöne Wirkung tut der faktisch abgesicherte Hintergrund nichts zur Sache – und es erscheint ja der Text des 23. Briefes der Neuen Héloïse, der nach der Veröffentlichung des Buches nicht zuletzt wegen seiner stilistischen Raffinesse in einigen Journalen auch separat abgedruckt wird, angesichts des dicken Parfüm- und Gefühlsnebels um ihn herum mitnichten als Lüge.[1]

So sehr die Neue Héloïse, die das Wallis ins bürgerliche Gerede brachte, ein Jahrhunderterfolg wird, den Goethe bereits 1761 deutsch konsumieren konnte – dessen eigene Textfolge, die weit differenzierteres Material übers Wallis offenlegt, war sowohl in der Tagebuchfassung wie in derjenigen der Briefe an Charlotte von Stein zwischen dem 6. und dem 13. November 1779 dem Publikum vorenthalten, und noch heute ist der Zugriff auf sie eher schwierig.[2]

Goethe und Rousseau stehen insofern für den ganzen ersten Schub der Walliser Reiseliteratur, die sich im Jahrhundert nach der französischen Revolution in etwa gleich verhält, als der eine nur in höchsten Tönen von der Bevölkerung und den Verhältnissen (die selbst sich immer auf die engere Lebenswelt, also das Wohnen und Essen beziehen) spricht, der andere wo es am Platze scheint auch massiv distanziert. Es ist kaum abwegig, davon auszugehen, daß in verschiedenen einzelnen Jahren (oder auch über längere Zeitspannen hinweg) an verschiedenen Orten die Wohn- und Arbeitsbevölkerung einmal eher in armseliger, dann in tief beeindruckender, geradezu betörender Atmosphäre anzutreffen war. Was den Applaus auslöste, insbesondere in den Tälern von Hérens und Anniviers, war das Zusammentreffen der allgemeinen Frömmigkeit mit der Schönheit und dem Reichtum der Menschen gleichwie mit ihrer Gastfreundschaft, also dem guten Essen und dem feinen Wein. Es sind recht viele Texte entstanden. Bourrit 1781 erfährt auf jene etwas aufdringliche Weise das ganze Wallis (man hat ihn sich wohl als einen ersten Naturschwärmer aus der Stadt – Genf – vorzustellen, wie Yves Ballu einleitend in Bourrit 1977 ihn darstellt, ein wohlgefälliger Sänger und pedantisch präziser Zeichner, dessen Bilder vom Naturhistoriker Horace de Saussure für die eigenen Publikationen in ihren Perspektiven nachgemessen wurden – aber eben kein Savant mit milde stimmender sozialer Anerkennung). Keine zwanzig Jahre später sind die Gebrüder Bridel 1798 bestürzt über den Weg aus der Derborence nach Aven, loben aber die Verhältnisse von dort via Conthey bis nach Sitten, allerdings nicht ohne sich darüber zu mokieren, daß die Bevölkerung „ihre Butter und ihr eingesalzenes Fleisch nicht eher (angreift), als wenn es Zeit ist, dieselben den Würmern streitig zu machen“ (55). Der deutsche Fröbel 1840 verliert im Val d‘Hérens auf allen Ebenen die Contenance, um im Val d‘Anniviers, von dessen Einwohnern er knapp sieben Exemplare sieht, nur schöne Worte zu finden: „Die Bewohner (des Val d‘Anniviers) sind die einzigen wirklich arbeitsamen Menschen im Wallis“ (137; ev. in einem anonymen Zitat). Obwohl einige Jahrzehnte später entstanden, gehören zu dieser ersten Gruppe der Reiseliteratur auch die Texte von Jegerlehner, der recht anregend wirkt, solange er sich nicht auf schöne Literatur kapriziert, und von einem Pater aus Siders, Paul de Chastonay. Schreibt dieser aus innerer Verbundenheit nur affirmativ, so gelangt dem ersteren ab und zu auch ein Bonmot, wenn er etwa meint, die Anniviarden hätten früher „nach Art der Rüsseltiere“ an Tischen „mit lochähnlichen Vertiefungen“ gegessen (Jegerlehner 1904, 51).

Weniger zur Andacht eines größeren Publikums, das in die schöne Landschaft gelockt werden müßte, als vielmehr sozialtechnologischen und technischen Zwecken dienten die ersten Publikationen im Horizont historischer Aufrisse. Philippe Bridel veröffentlicht 1820 als Pfarrer von Montreux 350 Seiten im Kleinformat 13 x 8 cm über den fünfjährigen Schweizer Kanton Wallis, von denen ein Viertel der Naturgeschichte, einer der Beschreibung der Menschen in den einzelnen Zehnden so, wie es die Reiseliteratur vorführte (in der sich Bridel bekanntlich schon geübt hatte), einer der Geschichte und der letzte den zeitgenössischen Institutionen gewidmet ist; beigefügt ist eine große kolorierte Karte, die einen sehr präzisen Eindruck hinterläßt. Häufiger als der kurzatmige Bridel wird aber Furrer 1850 in Diskussionen beigezogen, da er als Pater vielleicht mehr Gelegenheit hatte, Geschichtliches auch nach verbindlichen Quellen geprüft wiederzugeben. Ihn heute unvoreingenommen zu lesen bedeutet allerdings, freiwillig sich obsoleten Mythen der Walliser Geschichte als mögliches Sprachrohr anzudienen; ein durch minuziöse Kommentare kontrollierter Neudruck wäre dagegen begrüßenswert, gerade weil der Ursprung für viele Unsinnigkeiten, die nicht immer bei Furrer selbst liegen, faßbar werden könnte. Zwanzig Jahre nach Furrers großer Geschichte erscheint das erste Werk, das grundlegend in die Walliser Ökonomie einzugreifen Bereitschaft zeigt, Leopold Blotnitzkis Liste der Suonen und Bisses, zusammen mit den ersten Konzepten zur Rhonekorrektion. Da dieser herausragende Kultur- und Kantonsingenieur des Wallis die Wasserleiten nicht alle selbst abgelaufen war, sondern von den Gemeinden schriftliche Beschreibungen angefordert hatte, die nicht des weiteren überprüft wurden, ist diese Zusammenstellung für uns heute zu lückenhaft und in der Benennung beziehungsweise Beschreibung zuwenig fehlerfrei als daß sie mehr denn nur die gröbste Neugierde zu befriedigen vermöchte [was einem übergeschnappten Lurchen kein Recht gewesen sein wird, dem Exemplar der Berner Stadtbibliothek zwischen April 97 und Herbst 98 mit Leuchtstift und anderen bücherfeindlichen Materialien Wunden zuzufügen]. Immerhin wurde durch diese Schreibarbeit, für welche Kulturingenieure sonst wenig Neigung zeigen, auf massive, bis in die Gegenwart nachwirkende Weise verhindert, daß in den Verwaltungsstädten Sion, Sierre, Visp und Brig, die sich gerade in diesen Jahren von den Sitten und Gebräuchen des Dorfschaftslebens an den Berghängen zu dissoziieren begannen, die Wichtigkeit der Bewässerung nicht nur zur Futter- und Landfruchtgewinnung, sondern auch zum Schutz vor Fels- und Hangabgängen nicht mehr eingesehen würde.

Einen Schatz besonderer Güte vergrub bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Fribourgische Priester und Historiker Jean Gremaud (Diesbach 1898), indem er nicht weniger als 3080 Walliser Dokumente in Buchform und mit umfangreichen Registern publizierte – allerdings in der Originalsprache mit einer bloß winzigen Inhaltsangabe auf Französisch. Da kaum mehr als eines nicht lateinisch verschlossen dasteht, sind die Folgen bis heute zwiespältig: wer diese Texte nicht berücksichtigt, läuft Gefahr, unnötigerweise an falschen Phantasien weiterzuspinnen – aber der lateinischen Sprache Huld zu erweisen ist auch bei geplagten GymnasiumsabgängerInnen altsprachlicher Richtung nicht jedesmenschen Sache; nur schon die Ortsnamensuche hat ihre Tücken, einzelne konnten überhaupt nicht bestimmt werden. Immerhin lohnt sich ein Blick in den ersten Band: für die erste Hälfte des ersten Jahrtausends werden knapp drei Druckseiten benötigt, für die zweite Hälfte mit 65 Dokumenten sechsundvierzig. Hier ruht das Material für die Wiedergabe der räuberischen Geschichten mit den Langobarden (Nr. 14, halbe Seite, Jahr 574) und den Sarrazenen (Nr. 61 bis 64, zehn Seiten, Jahre 940 – 972). Nichts aber findet sich darüber, daß die beiden Gruppen hätten Wohnsitz nehmen wollen, nichts über Hannibal und die Elefanten, nichts über Attila und die Hunnen. Die diskursive Geschichte der Walliser Landschaft scheint sich vom ersten Jahrtausend ablösen zu wollen, um sich desto tiefer, immer aber noch lateinisiert grimmig festgemauert, in der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends einzuschreiben.

 Mit der Gründung der Alpenclubs während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Schweiz, in Frankreich, Deutschland, Österreich, Italien und England, deren Mitgliedschaft personell sowohl mit einer gewissen Adels- beziehungsweise Großbürgerschicht wie aber auch mit dem Universitätsleben, insbesondere an den naturwissenschaftlichen und medizinischen Abteilungen liiert war, erwuchs eine Reiseliteratur, die sowohl wissenschaftlichen Zielen diente wie aber auch individuelle Bestleistungen zwecks sozialer Anerkennung dokumentierte. Die wissenschaftliche Fragestellung ging nicht weit über das Problem hinaus, ob man die Formen der Berge und Täler der Faltung von Platten, also Kontinenten zuzuschreiben hätte oder ob den Gletschern bei diesem wundersamen Werk ein mehr oder weniger großer Anteil zukomme. Noch bevor sich die Geologie als Fach von der bloßen Idee der Naturgeschichte abgelöst hatte, verschwand der Personalunionismus von Naturforschenden und AlpinistInnen aus der Berglandschaft. Der bigotte Kampf um Anerkennung zeigte sich zunächst als Kampf um die Erstbesteigung der markanten Berge (Whymper 1871), dann um die der schwierigsten Gipfel und Türme (Finch 1924 und Young 1955), dann um die der Grate und Traversen (Biner 1994, umfassender Brandt 1993); in schlimmeren Fällen ging es um die bloße Geschwindigkeit oder ums Sammeln einer bestimmten Menge von Gipfeln in limitierter Zeit. Obwohl der Zweck dieser Literatur nur wenig zur Erkenntnis des Wallis beiträgt, zeichnen die Autoren zuweilen sehr faszinierende Portraits ihrer Bergführer, ohne deren Kraft und Trittsicherheit kein Unternehmen gelingen konnte wie andererseits dieselben den Gast voraussetzten, um das Klettern als Tätigkeit des Broterwerbs möglich zu machen (Antonietti 1994).

Matterhorn

Um die Jahrhundertwende entstehen einige historische Werke, die paradigmatisch einzelne Perspektiven verdichten, zueinander sich aber höchst heterogen verhalten. Steht der Ungare Fischer 1896 für alle spintisierten Phantasien, die fürs ganze Wallis oder einen Teil davon einen besonders wilden Ursprung suchen – die Druiden, die Araber mit und ohne Perser, die Hunnen mit und ohne Attila, die Karthager mit und ohne Hannibal, mit und ohne Elefanten etc. – und steht Dionys Imesch mit den Blättern aus der Walliser Geschichte ab 1890 für die autoritätsgläubige Fixierung der Geschichtsbetrachtung auf die Staats-, Militär- und Kirchendokumente, die von den Priestern, die in Geschichte dilettierten, an große Persönlichkeiten des Wallis geheftet werden, so geschieht beim meist stellenlosen Hungerkünstler Dr. theol. Erasme Zufferey insofern etwas Neues, als er für eine ganze Talschaft die Archivstücke der Dörfer und Pfarreien obsessiv aufdeckt, wie wenn es möglich wäre, das alte Leben trotz der bürgerlichen Revolution und trotz der kapitalistischen Produktionsweise (die nur dadurch schlechten Eindruck machen, weil sie das katholische Dogma erodieren) am Leben zu erhalten, durch konkretes Wiederzusammenfügen notarieller Fakten aus dem bäuerlichen Arbeitsalltag statt wie bei seinen gutsituierten Amtsbrüdern im Oberwallis durchs Präsentieren von Herrschaftsentscheiden.

Die sonnigen Halden am Lötschberg, rechts das Goms

Die empirische Erforschung der Walliser Gesellschaft, in der Mitte zwischen der naturwissenschaftlichen Urgeschichte und der priesterlich-geistlichen Dokumentenanalyse, beginnt auf dem Feld der Volkskunde mit den Werken von Leopold Rütimeyer und Friedrich Stebler, die beide sowohl der Landschaft wie der wissenschaftlichen Disziplin eigentümlicherweise wie Fremde gegenüberstehen. Als Leiter der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt in Zürich hatte Stebler die Übung, bauernspezifische Gegebenheiten, Verhältnisse und Prozesse so zu beobachten, daß er sie dokumentieren, untereinander vergleichen sowie analytisch beurteilen konnte (Stebler 1903). Dazu kommt ein offenbar nicht zu geizig ausgestattetes Flair im Umgang mit fremden oder erst wenig bekannten Menschen, das ihm erlaubte, auch scheue Walliser und Walliserinnen mit der Kamera abzulichten. Aus dieser Anlage erschuf Stebler von 1900 bis 1920 informative, anregende und nicht zuletzt auch gestalterisch äußerst wertvolle Monographien über fast das ganze Oberwallis (französisch wollte sich schon damals nicht jeder freiwillig exponieren): übers Goms, das Lötschental, die Lötschberg-Südrampe, Visperterminen und auch die westlichen Dörfer des vorderen Vispertales. (Unbearbeitet blieben nur der Simplon, das Saaser- und das Zermattertal sowie Leuk mit dem Leukerbad.) Obwohl alle Publikationen ähnlich aufgebaut sind, erscheint das Werk Sonnige Halden am Lötschberg von 1914 über die Dörfer Hohtenn, Ausserberg, Eggerberg und Mund am virtuosesten aufgezogen – ein Genuß und Gewinn auch in der heutigen Lektüre, sei sie durch Ferienerlebnisse angeregt flatterhaft spontan oder kritisch angespannt.

Stadel mit Mäuseplatten

Ein solch herausstehendes Werk war Rütimeyer nicht beschieden. [Stammbaum Rütimeyer] Das hat die zwei Gründe, daß er erstens durch die lebenslange Bindung an den großen Vater Ludwig, Professor für Ur- und Naturgeschichte in Basel, daran gehindert war, das fette Trassee des augenrollenden Positivismus, der jede Aussage in die Hölle treibt, die keine physischen Fakten vorzulegen hat – die Hölle aber ist der Positivismus selbst, der nichts außer sich duldet – mit Schwung zu verlassen und daß er zweitens beruflich selbst als außerordentlicher Professor für Medizin in einem Metier Werke abzuliefern hatte, das keine methodischen Seitensprünge tolerieren darf (Stöcklin 1961). Folglich orientiert sich sein Werk, das er konzeptuell als Ergologie begriff, am Ideal der Urgeschichte, die sich um eine Sammlung der „Urmaterialien“ kümmert; namentlich sind dies solche, die als Arbeitsgeräte einmal fungiert haben müssen. Rütimeyers Texte gruppieren sich mit Vorliebe, und manchmal eben etwas langweilig, um solche Dinge wie Steinlampen, Tesseln (Holzstäbe mit Namens- und Mengezeichen zur analphabetischen buchhalterischen Notierung bestimmter Rechte einzelner), Mühlsteine, Schaber, Spielzeuge, Kesselketten, Gefäße, Töpfe und Ackerbaugeräte; sie wirken wie Anker, die jedes analysierende Weiterdriften verhindern. Die zusätzliche Fixierung auf die ideologische Formation des Vaters wirkt da störend, wo er zeitgenössische Gebilde partout in den Diskurs der Urgeschichte transformiert sehen will und behauptet, die berühmten Stelzen der Walliserhäuser mit den Mäuseplatten seien kein eigentümliches stilistisches Merkmal der Landschaft, sondern bruchlos aus den Gebäuden der Pfahlbauern hervorgegangen, die, und das scheint ein Lieblingsthema des Übervaters gewesen zu sein, keineswegs nur an Gewässern oder in Sumpfzonen erstellt worden seien. (Der tonangebende Rechtshistoriker des Wallis scheint in Carlen 1981, 125 nicht viel gegen Rüttimeyers (sic) These einzuwenden zu haben.) Wenn heute auch nicht mehr alle Texte zünden wollen, so ist von dieser Abschätzigkeit doch das ganze medizinische Werk des Vizedirektors des Basler Völkerkundemuseums auszunehmen wie auch die Arbeit über die Schalensteine, die den Druidenfreaks, die auch im Wallis ihren Spuk haben wollen, ein paar denkwürdige Bemerkungen in den Weg zu stellen weiß. Innerhalb der Schweizerischen Volkskunde ist die Schrift über die Lötschentaler Fasnacht häufig zitiert worden, zuletzt mehrmals, und endlich der Intention nach korrekt kritisch, in Bellwald 1997. Vielleicht ist auch dies ein Zeugnis für seine große Präsenz, daß er im außerordentlich schönen Buch von Chappaz übers Lötschental (1979) auf Seite 81 in der Bildlegende zwar angerufen wird – „Kaplan Brantschen, Rütimeyers Informant anfangs Jahrhundert“ – im Buchtext oder bei einem anderen Kommentar aber, als bedürfe sein Name keiner Erläuterung, überhaupt nicht erscheint.

Die jetzt einsetzenden Schreibarten im Wallis wirken wie bloße Varianten der vorangegangenen, weil nur sehr sporadisch in die methodischen Probleme Kritik eingelassen wird, die das Schreiben um des Zustands willen verändern könnte. Besonders ramponiert erscheinen die akademischen Disziplinen der Soziologie und der Geschichte, da hier der Anspruch, Reflexionsmaterial zur Kritik der Gesellschaft bereitzustellen, am auffälligsten korrumpiert wird durch eine Haltung, die im 20. Jahrhundert vom Beginn bis zum Schluß als konservativ und autoritär identifiziert werden muß (Arnold [Ausnahme: 1961], Carlen, Fibicher [eventuell liegt hier das Problematische beim Herausgeber, dem Walliser Erziehungsdepartement], de Preux, Truffer 1995 in der Ausfälligkeit gegen Franz Hohler, Walpen, Werder, Zermatten 1977 und 1987). Gerade weil sich bei der Lektüre dieser fürs Wallis partiell wichtigen Autoren (und der einen Autorin) eine heftige Abwehrhaltung einstellt, ist auf der anderen Seite, die nichtsdestotrotz sporadisch konturiert hindurchschimmert, das Urteil über diejenigen, welche ihr Material auf fruchtbare Weise exponieren, euphorischer als daß eine vertiefte Auseinandersetzung einem solchen wirklich standhalten könnte. Schleiniger 1938 gibt einen stark ernüchternden Einblick ins Val d‘Anniviers, aber so hoffnungslos im rigorosen Positivismus der Mediziner gefangen, daß es einen schon mal dünken könnte, ein soziales Verständnis müßte doch auch zu ähnlichen Wirkungen kommen wie denjenigen, die der Stand der Ärzte- und Wissenschaft an den Geldfluß und die Medikamentenabgabe bindet. Für dieses Soziale steht Crettaz ein (manchmal zusammen mit Preiswerk), und selbst gegen den Ansturm von Zürcher AlpenfreundInnen verteidigt er die Haltung, es müßte immer auch von der lokalen Bevölkerung gewünscht werden, was sich zu verändern habe: wenn dieselbe aus Gründen des ökonomischen Überlebens sich vorübergehend für Sachen wie Skilifte, Straßen, Ferienbauten etc., die allgemeinen sozial- und ökologiekritischen Einsichten widersprechen entschließt, müssen diese Einrichtungen, die für uns empörend in der Landschaft stehen, eben als Momente der Geschichte dieser Gesellschaft verstanden werden – als Momente, die kraft ihres nervenden Daseins mit der Zeit kritisch aufs Bewußtsein zurückwirken.

Zu erwähnen sind noch Werke, die durch ihre Seriosität beeindrucken: der aus allen Nähten platzende, nur mit Gyr vergleichbare erdrückend fleißige Dubois 1965, von dem aus weiß was für Gründen kein Nachfolgewerk erschien, zuerst, Mc Netting 1981 und Conne 1991 anschließend. Britsch 1994 ist vielleicht schon wieder zu verspielt und zu nahe am Aktuellen, um erkenntniskritisch auch über die nächste Zeit hinaus wirken zu können. So sehr Windisch 1986, dessen Autor aus dem gleichen Zehnden und der gleichen Generation stammt wie Crettaz (und an der gleichen Universität arbeitet, Genf), sich ins Empirische einer Dorfgemeinschaft verbohrt, so sehr wird sein Text Opfer des Witzigen und Spielerischen, gleichwohl nie Unverbindlichen, das an seinem Gegenstand haftet: den lokalen Walliser Parteikämpfen, die vom Feudalismus nicht gerade die besten Teile hinübergerettet haben. Noch mehr fehlt einem das intellektuelle Spurenelement des Vorbehalts gegen die Alltagspolitik beziehungsweise die Typen von PolitikerInnen, die diese an die Oberfläche spült, in Windisch 1994. Das Werk rekonstruiert das soziale Phänomen der Zweisprachigkeit der Walliser Gesellschaft anhand einzelner Äußerungen in den Zeitungen und in über zweihundert Interviews. Der Gewinn der Lektüre, der durch ein permanentes Zirkeln in einer unangenehm relativen Erkenntnis abgerungen werden muß, wächst mit der örtlichen und zeitlichen Distanz des Lesenden zur analysierten Gesellschaft. Nach 150 Seiten geht der Text noch störender aus dem Leim, weil auf eine redaktionelle Überarbeitung weitgehend verzichtet worden ist. Ob die abschließenden Forschungsresultate, die der Intention nach in die Praxis eingreifen sollen, aber durch die neblige Vorwegnahme in einer dreihundertseitigen Drift längst keine Konturen mehr haben, noch mit wachem Bewußtsein aufgenommen werden können, muß bestritten werden.

Aufs äußerste unangenehm klopft die Frage, was im touristischen Aufzeichnungsprozeß weiter zu tun bleibt, wenn alle Gipfel, Gräte und Traversen er-, be- und durchstiegen sind und dieses Erklettern bis zum letzten Griff sorgsam dokumentiert worden ist. Es fährt stinkend, lärmend und restlos alles bedrohend, was noch auf Füßen geht oder als Schlange am Boden kriecht das ungetüme Auto in die Reiseliteratur hinein. Erwarten Texte des automobilisierten Tourismus im Ernst Zuwendungen, wie sie die Angestellten der Zapfsäulen den Autos als Service anpreisen? In die Städte und zu den Fernsehgaffern zurück! Ohne Pardonisierungsmöglichkeit spricht gegen diese vergifteten Schriftstücke, daß sie das unmusikalischste aller Gebilde – nur die Idee des Militärischen ist noch gruusiger – zum Zwecke haben (Beerli o. J., Dolder 1986) oder so sehr als Mittel zum Fotografieren einsetzen, daß auch die schönsten Bildbände wie verkratzt dastehen, weil der Fotograph ausschließlich bei Autohalten berufstätig stehenbleiben wollte, ohne eigenen Schritt ins weitere Gelände hinaus (Bitter und Mathis 1994, van Hoorick 1982).

Auf der anderen Seite gibt es trotz bester Dokumentation erstaunlicherweise nichts, was einen die Klettertouren zu Hause oder im Rollstuhl genießen lassen würde – alle fotografischen Kletterbücher begnügen sich mit Gesamtansichten der Berge, die mehr die eifersüchtigen und neidischen Regungen verstärken statt die Neugierde nach dem ästhetischen Erleben wirklich befriedigen zu können. Von den schönsten Bildbänden seien genannt Darbellay 1987, Camisasca und Grimoldi 1996 und Germond 1997.

Zur Wegsicherung des theoretischen Einblicks in die Walliser Geschichte wichtiger als die neuen Bildbände sind aber die Reproduktionen alter Fotos, für die fast jede Walliser Publikation Platz freihält. Besondere Sammlungen enthalten Carruzzo und Wirthner 1995, Chappaz 1979, Gaspoz 1994, Gattlen 1992, Gyr 1994, Imesch 1978 bis 1983, Mariétan 1948, Niederer 1996, Paris 1988.

Sehr wichtig in dieser Gruppe ist die Arbeit von Walter Ruppen, dessen Darstellung der Kunstdenkmäler leider erst das Goms abdeckt und vor den Toren Brigs Halt macht, und dies schon seit 1991. Der Nutzen einer vielleicht etwas forcierten Vollendung dieses großen Unternehmens wäre klar: Eine der Intention nach auf Einheitlichkeit zielende Darstellung, die derart viele Detailinformationen bereitstellt, erleichterte wie kein anderes Vorgehen das Erkennen von lokalen Unterschieden, sei es im Baustil, sei es in der Siedlungsgeschichte, sei es in der Alp- und der Wasserwirtschaft, sei es in der allgemeinen sozialen Reproduktion, sei es in den Sitten und Gebräuchen.

Die Sitten und Gebräuche. Mit der Reaktion auf das Werk Leo Meyers gelangt die Volkskunde deswegen so leicht in eine neue Phase, weil jenes schon früh – 1913 – den Akzent auf die Exposition von Namen und Begriffen, auf die Urkundenlektüre und auf Sprachvergleiche legte, weil es aber gleichzeitig mit Mängeln nicht geizte, die dann, obwohl Meyer zum Kantonsarchivar vorrückte, innerhalb der Disziplin eine kritische, also eine selbstkritische Haltung geradezu herausforderte. Die klassische Walliser Volkskunde, die selbstredend von der Außerschweiz betrieben wurde, arbeitet nun einerseits mit einem unendlich weiten Apparat der Aufzeichnung wie bei Gyr 1994, wo das alte Falsche unter der empirisch minuziös gestützten Differenzierung verblaßt[3], andererseits durch moderne soziale Kritik wie bei Niederer, dessen Werk nach seiner Dissertation übers Lötschental und das Gemeinwerk (1956) seine Qualität eher darin gefunden hat, daß es gegen den aufkeimenden Fremdenhaß in der Schweiz gerade aus der Warte der gewohnheitsmäßig volkstümelnd erscheinenden Volkskunde dezidiert Stellung nahm als daß es in eigenen Forschungsprojekten die Neuentdeckungen des Frühwerks fortschreiben wollte. Solche anregenden Projekte finden sich dann bei Gelehrten, die sich auf Niederer beziehen, wie Anderegg oder Antonietti. Für den jüngsten Versuch, innerhalb der Volkskunde zu verbleiben und trotzdem einer kritischen Praxis zu folgen, steht der schon erwähnte Bellwald 1997, ein Buch, das nur darin scheitert, daß alle seine Sätze sagen wollen, es dürfe der disziplinarische Rahmen der Volkskunde nicht verlassen werden.

Eril im Baltschiedertal

Obwohl bei Grenzziehungen das Gewalttätige und Falsche offenbar ist, sind sie in einer explizit vorläufigen Absicht nützlich, die bereit ist, sie zu verlegen oder gar aufzuheben. Die jüngste Gruppe der Walliser Schreibarten hat denn auch von allen bereits erwähnten gewisse Momente übernommen oder widerspricht der Haltung nach anderen – trotzdem scheinen die Dorfchroniken, die Textsammlungen über den Bau und den Unterhalt von Wasserleiten und die Alpbewirtschaftungen eine eigentümliche und eigene Art des Schreibens im Wallis sein zu wollen, indem sie von einem sehr kleinen Teil der Landschaft in einer Form und Aufmachung erzählen, die zwar sowohl präzise wie neue Erkenntnisse zuläßt, gerade aber auch sich als Andenken dem, wie es so gesagt wird, anscheinend anspruchslosen Touristen dienlich machen wollen; weil sie eine Volkskunde ohne Kritik pflegen, erfüllen sie diese Dienstfertigkeit auch für den kritikverängstigten Tourismus selbst. Aber aus ihm sind sie nicht herausgewachsen. Die Dorfchroniken versuchen diejenigen ursprünglichen Walliser Schriftstücke an den Tag zu schaben, die durch ihre Archivierung dem Leben in den Dörfern eine Form schaffen, eine Struktur garantieren und die Regeln absichern.[4] Ihre heutigen Erwecker sind meist Pfarrer, als ob Ende der sechziger Jahre an sie die Devise ausgegeben worden wäre, die Archive ihrer Arbeitsstätten endlich zu plündern. Unermüdliche Schaffenskraft beweist hierbei Peter Jossen. Neben den Pfarrherren, die sich nicht heftig gegen das Litaneische im altsprachlichen Kulturgut der Archive stemmen, scheinen auch Ärzte im Ruhestand ihre Lateinkenntnisse fruchtbar in den Dienst der Lokalgeschichte stellen zu wollen. Das Werk von Studer 1994 über Visperterminen wurde bereits anerkennend zur Sprache gebracht; nicht weniger bedeutsam ist dasjenige von Kreuzer 1995 übers Goms, das vom Verlag leider so grausam verunstaltet herausgegeben worden ist, daß es letztlich mehr Schätze vergräbt als offenlegt, da dem ausnehmend brisanten, auf Vollständigkeit zielenden Literaturverzeichnis in provinzieller Feudalherrenmanier der Abdruck verweigert worden ist.

Aufzeichnende und deutende Walliser Schriftstücke

Inhaltsverzeichnis



[1] Es ist eine Banalität, daß einer, der sich prononciert zu einem Gegenstand verhält, demselben gegenüber noch supplementäre Pläne heckt. Solche stellt Gagnebin 1966 bereit, wie sie bei Rousseau darin gipfeln (sich aber nicht realisieren), im Dictionnaire Encyclopédique den Artikel Valais zu erstellen und wie ihm durch den französischen Botschafter in Sion, bei dem er 1744 wohnte – de Chaignon – eine Liste aller Bücher zugekommen ist, die mindestens einen Teil dem Wallis widmeten. Derselbe Königliche Abgesandte erstellte im übrigen selbst eine kleine Walliser Monographie, Ghika 1966.

 

[2] Goethes Weg führte von Chamonix, das er von Basel über Genf erreichte, über den Col de Balme nach Martigny, dann nach St-Maurice und wieder zurück und weiter nach Sitten, dann via Siders und Varen nach Leukerbad, hinunter nach Leuk und Brig, schließlich durchs Goms und über die Furka wieder hinaus.

 

[3] Ausgerechnet in diesem großen Werk von Gyr hat sich Seite 23 (mit Stern) ein Druckfehler eingeschlichen, der einen glauben macht, das Patois von Anniviers gebrauche eben doch den Vokal „ü“, der ansonsten in den provenzalisch Walliserischen Dialekten als Eigentümlichkeit erstickt wird. Aber es ist nur ein Druckfehler (Pont Musikkassetten 1989a und b, Savioz 1992).

 

[4] Die notariellen Akten, die die Walliser Gesellschaft seit tausend Jahren strukturieren, begründen nur in einer geringen Zahl von Fällen staatspolitische Macht von oben. Im Normalfall geben sie einem gesellschaftlichen Leben Form, das nicht nur bei den Gletschern sich angesiedelt hat, sondern in ihnen seinen Grund findet. Weit davon entfernt, bloße Staffage zu sein, bildet die Landschaft, auch die schöne angeschaute, den Grund für die gesellschaftlichen Prozesse.