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ur am 17. Januar 2006 um 04.46 Uhr: Russische Musik

Im Konzertsaal, langes Warten (vorher bei Bruders Familie). Noch vor dem Beginn, braves Warten mit nur zurückhaltendem Geplauder. Längst hätte das Konzert aufgeführt werden sollen. Endlich, zwei Gestalten, fast nur in schwarzer biederer Bürger-Kleidung wie alle hier, eilen auf verschiedenen Wegen durch die Reihen, einer vor meiner Nase: Putin! Konfuses Aufwachen - mussten alle noch aufstehen, damit geprüft werden könnte, ob sich ein feindlich-terroristisches Objekt zwischen den KonzertbesucherInnen befände (es wäre dann wohl wie ein Hund nicht aufgestanden...)? Vielleicht schon Wachphantasie. Keine Ahnung, was gespielt worden wäre, aber alle blieben guter Laune, etwas gleichgültig.



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Am Dienstag, 17. Januar 2006 um 08.59 Uhr schrieb ur: Alte Stoffe in der russischen Musik ist ein schwieriger Ausdruck. Despektierlich ist er vielleicht gegen Schnittke gerichtet, der mich nie zu interessieren vermochte, was bei Gubajdulina des öfteren geschieht. Das Alte ist dann dokumentarisches Zeichen einer vergangenen, unzugänglichen Gesellschaft. Bei Ustwolskaja ist der dokumentarische Charakter der Kunst gänzlich ausgeprägt, ihr Eigentümliches. Religiöses transferiert sich zwar nicht, desto unzensurierter, fast schon in obszöner Weise das Lebensgefühl der Genossinnen und Genossen in den unendlichen Landzügen der Sowjetunion: dumpfer Druck des Sinnlosen auf der Brust, Ersticken nah immer schon. Man kann sich deswegen nicht um diese Musik reissen, weil Angst ohne disparate Schreckmomente bewusstes Einsichtnehmen mehr vernebelt als zutage fördert. Das Dokument ist zusehr dem verschwistert, gegen das es sich wendet, das Zerlumpte.

Am Dienstag, 17. Januar 2006 um 05.58 Uhr schrieb ur: Traumstoff aus Resten, wie die heutige russische Musik überhaupt aus Altstoff zusammengeflickt erscheint: Ustwolskaja, Schnittke, Gubajdulina etc. In den Abendnachrichten deutsche Staatsvisite in Moskau, eine Meldung, der man so ergriffen folgt wie Putin Merkels Pressestatements zu Menschenrechtsfragen, mit zur Decke gehefteten Augen, dann in der Disco Schumanns Violinkonzert, das erst 1935 vor Naziprominenz als deutsches Schaustück uraufgeführt wurde, eine Tatsache, die man nicht so stark hätte in den Vordergrund stellen sollen, sicher nicht mit einer Aufnahme des uraufführenden Geigers von 1937. Unverständlich, wie man den Nazialltag als wie bereits unseren in den heutigen verschiebt. Nicht ganz zu den Tagesresten gehört der Bezug zu Jethro Tull und dem astronomisch teuren Konzert im Dezember: was sie beziehungsweise ihr Verwaltungsratsvorsitzender tun & treiben lässt sich registrieren wie die Pressekonferenzen unserer Artgenossen in den Präsidialämtern. Die unbunte Kleidung, die mir steht wie Negars Weihnachtsjacke, aus der sie mich einen umherschlurfender Mullah machen lässt, ist das einzige affektive Element im Traum: affektgesäuberter Triebstau unter sehr alt anmutenden Lumpen, sehr alt anmutenden lumpenproletarischen Stoffen. - Ein beruhigendes Lebensgefühl, wenn der Sinn in den Träumen keine Richtung einschlagen geschweige denn Gestalt annehmen will.






Ur    Lala   Tsi ("Doggy") Dong